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Othmar Seidner

Othmar Seidner wurde am 5. 7. 1939 in Laufen/Oberbayern, Bundesrepublik Deutschland, geboren. 1946 kam er im Laufe der Nachkriegswirren nach Innsbruck und 1947 nach Wien. Nach der Volksschule absolvierte er das hu-manistische Gymnasium, das er 1957 abschloß. 1958 begann er Schauspiel-unterricht im „Preiner-Seminar“ zu nehmen.

Als Professor für Schauspiel hatte er den bekannten Burgschauspieler Rein-hold Siegert, Sprechunterricht bekam er von der berümten Sprechlehrerin Prof. Luise Cavallar.

1960 – 1961 war er in Westberlin engagiert, von wo er Ende 1961 nach Wien zurückkehrte. Hier spielte er Theater (Courage, Im Zentrum und andere Kel-lerbühnen) bevor er mit Synchronisation begann.

Zu schreiben begann er bereits im Gymnasium. Eine besonders erfolgreiche Periode ist von 1969 bis 1976. Er widmete sich der nicht gerade leichten Form der Lyrik, des Gedichtes, der Verknappung und Komprimierung. Einige Kurzgeschichten, Sozialkritisches, Politisches und Satirisches folgten dieser Periode.

Zwischen 1977 und 1981 hat er pausiert; erst 1982 beginnt seine stärkste Schaffenskraft.

Frage nicht

Wie lange?

Sei bitte Liebling
nur das Eine mir!
Das Eine, das ich erträumte,
das Eine, das ich gehofft
das Eine, das ich geliebt
das Eine, das mir verblieb!

Laß mich eins sein
mit Deinem Denken
mit Deinem Tun
mit Deinen Wünschen
mit Deiner Sehnsucht!

Wenn Du dann von mir gehst
so bitte, vergiß mich nicht!
Bleib mein, im Angedenken!
Bleib mein, in meinem Herzen!
Bleib mein, in meinem Geist!

Ich habe nur diesen Wunsch:
– bleib mein, und für mich alles! –
Ich werd dich nie vergessen
ich nehm dich immer auf
doch bitte, komm zurück
zu mir, und wenn es nur
für eines Kusses kurze Dauer wär‘!

Zukunft

Schwarz
ist der hellste Tag
grell
leuchtet das Böse
mir ins Gesicht
ich warte

Kreise ziehen
schäumende Wellen
über die Äcker
und Boote
aus endlosem Stahl
ziehen Furchen gerade
ich denke

Oliven blühen wachsbleich
auf den Straßen zur Ewigkeit
Schlüsselblumen laufen
laut gröhlend
vor uns her
den Abgrund
uns zeigend
in den wir
zu stürzen drohen
doch wir
wir laufen weiter
in Richtung der Hölle
die wir Ewigkeit nennen.

Lebensspende

Siehst du das Sonnenlicht?
Wie schön es sich
in meinem Schatten bricht!
Spürst du die Dunkelheit der Nacht?
Wie finster sie sich
in meinem Lichte widerspiegelt!
Hörst du das Rauschen des Wassers?
Wie leise es sich
an meinem Körper bricht!
Fühlst du das Wehen des Windes?
Wie stark er sich
an meiner Seele verfängt!
Weißt du um meine Liebe zu dir?
Wie sehr sie sich
in deinem Herzen widerspiegelt!
Denkst du an deine Liebe zu mir?
Wie sehr sie sich
in meinem Geist verwandelt!
Verwandelt in
Sehen, Spüren, Hören
Fühlen, Wissen, Denken!
Ja, so sehr kannst du mir Leben spenden!

Zähle die Tropfen, wenn es regnet.
Aber frage nicht!
Zähle die Flocken, wenn es schneit.
Aber frage nicht!
Zähle die Sandkörner, wenn du in der Wüste
stehst.
Aber frage nicht!
Zähle die Steine, wenn du am Ufer stehst.
Aber frage nicht!
Zähle die Wolken, wenn du zum Himmel siehst.
Aber frage nicht!
Zähle die Bäume, wenn du Bäume siehst.
Aber frage nicht!
Zähle die Äste, wenn du im Wald bist.
Aber frage nicht!
Zähle die Blätter, wenn du Äste siehst.
Aber frage nicht!
Zähle die Schäfchen, wenn du schlafen willst.
Aber frage nicht!

Wenn du alles gezählt, dann denke!
Wenn du gedacht, dann frage!
Ohne zu denken, frage nie!
Frage nie, ohne gedacht zu haben!

Denn Fragen wie die:
Wieviele Tropfen regnet es?
Wieviele Flocken schneit es?
Wieviele Sandkörner liegen in der Wüste?
Wieviele Wellen hat das Meer?
Wieviele Wolken sind am Himmel?
Wieviele Steine liegen am Ufer?
Wieviele Bäume hat der Wald?
Wieviele Äste hat der Baum?
Wieviele Blätter hat der Ast?
Wieviele Schäfchen muß ich zählen,
wenn ich schlafen will.

Das sind Fragen, ohne zu denken
von irgendjemand, an jemand gefragt
und niemand auf dieser Welt
weiß darauf eine Antwort zu geben!
Drum denke, bevor du fräg
st,
und frage nie, ohne zu denken!